Fjodor Michailowitsch Dostojewski
Fjodor Michailowitsch Dostojewski (Фёдор
Михайлович
Достоевскйк, 30.10./11.11.1821 bis
28.1./9.2.1881) gehört mit seinen Romanen Aufzeichnungen aus einem Totenhaus
(Записки из
мертвого дома, 1860), Schuld und
Sühne, im Russischen Original eigentlich Verbrechen und Strafe oder auch Rodion Raskolnikoff,
(Преступление и
наказание, 1866), Der Idiot
(Идиот, 1868), Die Dämonen, im Russischen
Original auch Die Teufel, Die Besessenen oder Böse Geister
(Бесы, 1873) oder Die Brüder Karamasow
(Братья
Карамазовы, 1880 - 1881) zu den Klassikern
nicht nur der Russischen, sondern auch der Weltliteratur.
In seinen jungen Jahren gehörte Dostojewski wie unzählige Russische Schriftsteller vor und nach ihm
einem Revolutionären Zirkel - oder das, was die Geheimpolizei des zaristischen Regimes dafür hielt -
an, wurde 1849 für das Vortragen eines als kriminielles Schreiben eingestuften Textes des Literaturkritikers
Wissarion Belinski an Nikolaj Gogol zum Tode verurteilt und am 22. Dezember 1849, bereits vor dem
Erschiessungskommando stehend, von Zar Nikolaus I. zu vier Jahren Verbannung und Zwangsarbeit in Sibirien mit
anschliessender Militärdienstpflicht, begnadigt.
Während der Durchreise nach Italien weilt Dostojewski 1862 und 1863 erste Male für jeweils kurze Zeit
in Genf. Im August 1867 kommt Dostojewski mit seiner beträchtlich jüngeren Frau Anna Grigorjewna
Snitkina auf dem Genfer Bahnhof an. Die beiden haben kurz zuvor in Russland geheiratet, geplant war ein kurze
Europa-Reise, aus welcher ein vierjähriger Aufenthalt an verschiedenen Orten Europas, davon 8 Monate in
Genf, wurde. Es war wohl nicht nur der Honeymoon eines eben verheirateten Paares, sondern auch eine Flucht vor den
Gläubigern von Dostojewskis Spielschulden in Russland, auch wenn Dostojewski seinem Freund Majkow nach
Russland schrieb: "...Warum nach Genf? Kann ich das wissen? Ist's nicht ganz gleich?..."
Anna Grigorjewna Snitkina ist schwanger, Dostojewski denkt über einen neuen Roman nach, und tatsächlich
schreibt er - oder genauer, entwirft er grosse Teile zu
Der
Idiot und diktiert die Texte zur Niederschrift seiner Frau - während ihres Genfer Aufenthalts von August
1867 bis Mai 1868.
Der Genfer Aufenthalt der beiden wird überschattet von ständiger Geldnot und dem permanenten Beschaffen
von Geld. Saxon les Bains ist nicht weit von Genf entfernt und der dortige Roulettetisch zieht den Spieler
Dostojewski magisch an. Dabei war es nicht so, dass Dostojewski jedes Mal nur Geld verloren hätte, schrieb er
seiner Frau doch aus Saxon: "...Ich lief hin, ich begann, setzte 50 Franken, dann plötzlich erhöhte
ich die Einsätze, ich weiss nicht wie hoch, ich habe es nicht gezählt; dann verlor ich schrecklich, fast
bis auf das letzte, und plötzlich, mit dem letzten Geld, gewann ich meine ganzen 125 Franken wieder
zurück und hatte ausserdem einen Gewinn von 110 Franken. Anja, liebe, ich überlege stark, dir 100
Franken zu schicken, aber es ist viel zu wenig, wenn es doch mindestens 200 wären!...". Wie gewonnen,
so zerronnen, den nur wenig später schreibt er seiner Frau: "Anja, liebe, meine Unschätzbare, ich
habe alles verspielt, alles, alles!...Ich habe sowohl den Ring als auch den Wintermantel versetzt und alles
verspielt...", gefolgt vom flehentlichen: "Und deshalb flehe ich dich an, Anja, mein Schutzengel: schicke
mir etwas, damit ich meine 50 Franken für das Hotel bezahlen kann".
Zurück in Genf folgten
Eilbriefe an Freunde und Bekannte in Russland mit fordernder und flehender Bitte um Geldüberweisungen oder
seinen Verleger um Honorarvorschüsse, denn zeitweise besassen Annas Grigorjewna Snitkina und Dostojewski nicht
mehr als die Kleider, die sie trugen.
Diese verzweifelte Situation wird durch die Geburt ihrer Tochter Sonja
im Februar 1868 nicht einfacher, Dostojewski schreibt an seinen Freund Majkow nach Russland: "...Gestern habe
ich meinen letzten Mantel eingelöst. ... Alles bis zum letzten lumpigen Kleidungsstück, meinem oder
meiner Frau, ist verpfändet. Die Schulden sind hartnäckig, nicht zu umgehen, drängend...".
Im Mai 1868 wird die Tochter Sonja in der russisch-orthodoxen Kirche Genfs getauft, eine Woche danach stirbt sie
und wird in Genf begraben. Anna Grigorjewna Snitkina scheibt danach in ihr Tagebuch: "...In Genf zu bleiben,
wo uns alles an Sonja erinnerte, war undenkbar, und wir beschlossen, unsere alte Absicht unverzüglich zu
verwirklichen und nach Vevey, ebenfalls am Genfer See, überzusiedeln. Wir bedauerten sehr, dass wir aus
Mittellosigkeit die Schweiz, die meinem Mann fast verhasst geworden war, nicht für immer verlassen konnten.
Er gab die Schuld an Sonjetschkas Tod sowohl dem ungünstigen, wechselhaften Genfer Klima als auch der
Überheblichkeit des Arztes, der Unerfahrenheit der Kinderfrau und anderem. Die Schweizer hatte Fjodor
Michailowitsch noch nie gemocht, aber die Gefühllosigkeit und Herzlosigkeit, die viele von ihnen in den
Minuten unseres schweren Leids an den Tag legten, vergrösserten diese Antipathie noch. ..."
Nach einem kürzeren Aufenthalt in Vevey reisten Anna Grigorjewna Snitkina und Dostojewski 1868 nach Italien
weiter; Dostojewski sollte nur noch einmal, 1874, nach Genf zurückkehren, um das Grab seiner Tochter Sonja zu
besuchen.
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